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Die Menschen in unserer industriebestimmten Epoche erwarten ihre Heilung
von außen, von künstlichen äußeren Hilfsmitteln,
ohne wesentliches eigenes Zutun. Bewußt oder unbewußt vergleichen
sie sich da mit den Maschinen, die sie täglich bedienen. Wie außen
so innen.
Es liegt mir fern, die Effektivität von Maschinen und die Wirksamkeit
von eingreifenden Medikamenten zu unterschätzen - ebensowenig wie
deren Nebenwirkungen. Doch sehe ich eine große Gefahr im Maschinendenken.
Das Leben eines Organismus verläuft nach anderen, nämlich biologischen
Prinzipien als die Konstruktion, die Reparatur und schließlich die
Verschrottung eines technischen Gerätes. Die armselige Gesundheitsreformpolitik
die ihr Maschinendenken auf eine Reparatur kranker Organismen nach Kosten-Nutzen-Erwägungen
anwenden wollte, scheiterte kläglich mit diesem Denken und an der
Mentalität der so geprägten Menschen. Sie war aus ihrer Kurzsichtigkeit
heraus von vorne herein zum Scheitern verurteilt: ideell und an ihrer
empfindlichsten Stelle, nämlich materiell. Diese Gesundheitspolitik
mußte völlig zwangsläufig scheitern, weil sie (noch immer)
den kranken Menschen allzu einseitig wie eine rationalisierbar, normierbar
zu reparierende Biomaschine begreift. Darüber hinaus verstärkt
gerade derartiges Denken und derartige Politik die eigentümliche
Begehrlichkeit und den Egoismus des Menschen.
Die intensiven Beziehungen zwischen Bewußtsein, Heilung und Gesundheit
geraten mit der modernen Gesundheitspolitik, geprägt von einem technokratischenMedizinverständnis
in die verkehrte, nämlich krankmachende Richtung. Derartiges Denken
und Bewußtsein, derartige Politik wirkt krankheitsfördernd.
So wurde die moderne Industriegesellschaft zu einer jammerhaft-erbärmlichen
Klagemauer. Die Einstellung dieser Gesellschaft (und ihre Medizin mit
ihr) ist eher darauf ausgerichtet, zu jeder Lösung mindestens ein
Problem zu finden, statt das eigentlich Sinnvolle zu tun: nämlich
vitale Probleme naturorientiert zu lösen. So lähmt sich diese
Gesellschaft selber - und macht sich dabei unnötig krank.
Das Bewußtsein in den Industriegesellschaften ist krankheitsfixiert,
geprägt von Angst, Ersatzhandlungen und Verdrängung. Verängstigt
und angstvoll horchen die Menschen in sich hinein, weil sie spüren,
daß etwas mit ihnen nicht stimmt. Das Klopfen ihres Herzens ist
ihnen so unheimlich wie das Fließen ihres Blutes im Kopf, das Stechen
im Brustkorb oder das Ziehen im Rücken oder im Leib. Könnte
das nicht das erste Anzeichen für einen Infarkt sein oder für
den Krebs? Wird nicht in den ‘Gesundheits'-Magazinen ständig
vor diesen heimlichen Symptomen gewarnt? Gewiß sind alle Symptome
als Warnzeichen abwendbar gefährlicher Erkrankungen ernstzunehmen.
Mein Anliegen ist keineswegs, Sie zur Verdrängung oder Bagatellisierung
von wichtigen Warnsymptomen aufzufordern - im Gegenteil. Die Erfahrung
aus der Praxis zeigt nämlich, daß gerade die ernstzunehmenden
Zeichen in der Flut von Normal- und Bagatellerscheinungen von den Betroffenen
selber nicht mehr wahrgenommen werden - und so der Katastrophe freien
Lauf Iassen. Aldons Huxley hat bemerkt: Die moderne Medizin hat derartige
Fortschritte gemacht, daß es praktisch keine gesunden Menschen mehr
gibt. Die Entwicklung der Patienten geht diesem medizinischen Fortschritt
parallel.
Selber habe ich mir aus beruflicher Erfahrung angewöhnt, gerade in
denjenigen Bereichen besonders hellhörig zu sein, in denen nicht
geklagt wird - und bin da sehr oft fündig geworden. Die Achtsamkeit
des Arztes wird gewöhnlich erst sekundär, beim Sprechstundenbesuch
oder am Krankenbett, also bei bereits eingetretener Krankheit wirksam.
Soweit sie nicht aus besonderer Intuition entsteht, benötigt sie
faßbare Krankheitssymptome.
Früher und deshalb besser könnte die primäre Achtsamkeit
einsetzen, die nur vomBetroffenen selber ausgehen kann. Doch diese Achtsamkeit
ist mehr und mehr (mit der Entfernung vom einfachen, natürlichen
Leben) verstellt und deformiert. Mit diesem Text möchte ich Sie anregen,
die richtige Achtsamkeit wiederzufinden bzw. zu entwickeln.
Die sinnvolle, gesundheitsorientierte Achtsamkeit wird nicht nur Ihren
Vortrag bei Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt produktiver machen. Diese Achtsamkeit
dient vor allem der Förderung/Erhaltung/Wiedergewinnung von Gesundheit
im Vorfeld von Krankheit: also der Selbstheilung.
Nun berühren wir mit dem Stichwort Selbstheilung einen sensiblen,
äußerst individuellen und objektiven, daher ideologisch heftig
umkämpften Bereich.
Viele medizinische Würdenträger lehnen gewöhnlich schon
die bloße Möglichkeit von Selbstheilung barsch bis polemisch
ab: Heilung sei - wenn überhaupt - allein Aufgabe des Arztes und
mit Operation oder (chemischem) Medikament zu erreichen, allenfalls noch
mit ärztlicher Belehrung der Patienten. Selbstheilung sei nichts
als mystisches Wunschdenken von Laien, die bloß nicht operiert oder
medikamentiert werden wollten.
Persönlich denke ich da anders, gerade aus unmittelbarer beruflicher
und eigener Erfahrung. Selbstverständlich behaupte ich nicht, daß
aus Gedankenkraft ein fehlgestellter Knochenbruch wieder gerade wird,
oder ein manifester Tumor ohne operative Entfernung verschwindet oder
eine Cyste oder nur ein banales Hühnerauge sich einfach auflöst.
Hier und - bei vielen anderen Manifestationen bleibt es ärztliche
Aufgabe, manifeste Fehlentwicklungen zu korrigieren.
Mir geht es hier um die Vor- und Frühstadien, um die primäre
Entwicklung von Krankheit. Und um die eigentliche Heilungsphase, auch
um die Bewältigung. Dafürsind die Kräfte aus dem Selbst
entscheidend wichtig. Wer diese Kräfte ignoriert oder gar unterdrückt,
wird wohl vorübergehende Entfernung von Krankheit, aber keine Heilung
erreichen können. Die wichtigsten Heilungsimpulse kommen aus dem
Selbst, wie etwa an dem einfachen Beispiel eines Knochenbruches zu erkennen
ist: Die beste Einrichtung der Fraktur, die sorgfältigste Versorgung
mit Schraube oder Platte bleibt erfolglos ohne die Fähigkeit des
Organismus zur Neubildung von Knochenbälkchen.
Wohl das wichtigste System zur Gesundheitserhaltung ist das Immunsystem.
Der Ausfall dieses Systems bei der Immunschwächekrankheit ist auch
durch maximale Antibiotikazufuhr nicht wettzumachen. Umgekehrt sind immunologische
Überreaktionen wie bei Rheuma, multipler Sklerose, Colitis ulcerose
oder Allergien selbst mit hohen Mengen von Cortison nicht heilbar. Gerade
zwischen Immunsystem und Bewußtsein existieren wichtige Beziehungen,
die bisher noch nicht optimal geordnet und genutzt werden.
Aus all den genannten Gründen halte ich Achtsamkeit und Selbstbewußtsein
für notwendige, unverzichtbare Bedingungen von Gesundheit und Heilung.
Dazu sind selbstverständlich je nach Situation spezifische Maßnahmen
erforderlich, die aber ohne das richtige Bewußtsein ziemlich erfolglos
bleiben.
Schon das Wort "Selbstbewußtsein" wird heute oft mißverstanden:
als Durchsetzungsvermögen im verbreiteten Konkurrenzkampf, als Ellenbogenmentalität.
Diese Mentalität geht nicht nur zu Lasten anderer, sondern letztlich
auch des eigenen Selbst.
Selbstbewußtsein hat eigentlich eine viel einfachere, ursprünglichere
Bedeutung, nämlich: Selbst-Bewußtsein, also das Bewußtsein
vom eigenen Leben, eigenen Sinn (mit allen Hoffnungen und Visionen) und
eigenen Körper (mit allen Möglichkeiten und Grenzen). Die -
heute - übliche Hektik und Konkurrenz schwächt das Selbst-Bewußtsein
und manipuliert es. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist das wirkliche
Selbstbewußtsein nur meditativ zu entwickeln. Achtsamkeit alleine,
also ohne diese Entwicklung, gerät leicht zur Hypochondrie, zur narzißtischer
Selbstbespiegelung. Statt dessen sollte als Achtsamkeit eine Geisteshaltung
kultiviert werden, die nicht bewertet und nicht urteilt, sondern "nur"
vorurteilsfrei beobachtet. Am besten können Sie die richtige Achtsamkeit
an Ihrem eigenen Körper einüben, durch atmendes Erfühlen:
Beginnen Sie, ruhig auf dem Rücken liegend, Ihren Körper bewußt
wahrzunehmen. Lassen Sie dazu Ihre Aufmerksamkeit bewußt Ihren Körper
von innen her abtasten, angefangen vom periphersten Punkt des westlichen
Menschen, vom linken Fuß. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit dahin,
vorurteilsfrei und konzentriert, fühlen Sie Ihren Atem ruhig dahinströmen
und tasten Sie, wie ein Scanner, Ihr linkes Bein von den Zehen bis zum
Becken von innen her ab. Gehen Sie dann mit Ihrer Wahrnehmung von innen
her in Ihr rechtes Bein, wiederum von den Zehenspitzen bis zum Becken,
von da durch Unterleib, Bauch und Brustkorb in die Schultern. Nach dem
Abtasten beider Hände und Arme, von den Fingerspitzen her, durchwandern
Sie Hals, Gesicht, Stirn und Gehirn bis zum Hinterkopf. Lassen Sie dort
gedanklich Ihren Atem ein- und ausströmen. Ihr Körper ist jetzt
völlig entspannt und atemdurchströmt, ist Atem von Fuß
bis Kopf, ohne Zwang.
Diese kleine Übung bringt mehr als Entspannung; sie bildet Ihre Achtsamkeit,
Ihr Selbst-Bewußtsein aus. Zu Anfang werden vermutlich Ihre Gedanken
abschweifen, werden sich mit vergangenen Dingen, mit Unterlassungen oder
zukünftigen Erwartungen beschäftigen wollen. Je mehr Sie gegen
diese Gedanken ankämpfen, um so heftiger und sprunghafter werden
sie. Kämpfen Sie deshalb nicht gegen Ihre Gedanken. Sprechen Sie
sie nur an: sagen Sie bei jedem auftauchenden Gedanken einfach nur: "Denken"
- und kehren Sie zu Ihrer wahrnehmenden Atmunq zurück, ohne sie zu
zwingen. Damit wird diese kleine Übung schon zur Meditation. Nach
einiger Zeit, oft schon sehr schnell, wird diese Übung Ihre Geisteshaltung
im Alltag prägen. Sie werden Einstellungen entwickeln, die für
Ihre innere Gesundheit und Ihr Selbstbewußtsein entscheidend wichtig
sind.
Ohne jeden Zwang erwerben Sie die Fähigkeit
- der Konzentration
- der Wahrnehmung bedenklicher Veränderungen
- zu Vertrauen
-zu Achtsamkeit ohne voreilige Bewertung
- zu Toleranz
- zum Annehmen des Gegebenen
- zum Loslassen des Unnötigen.
Diese Fähigkeiten mögen in unserer Leistungs-, Konkurrenz- und
Konsumgesellschaft geringwertig erscheinen. Doch sind dies in Wahrheit
die wichtigsten Lebenseigenschaften, unverzichtbar für die Gesundheit
von innen her. Sie werden Ihr Leben bereichern.
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